CL Startseite
Termine
Über uns
Das /CL-Netz
KuNM e.V.
Uns unterstützen
Impressum
Teilnehmen
Anmelden
Schreiben
Angenehmer lesen
RSS
Kontakt
/CL bei G+

Links
/CL-Netz Online-Medien Radio Fernsehen Zeitungen & Zeitschriften Wissen Mehr Links
Auswahl: [Europa]
 <s.polster ät GAIA.de>31. Aug 2012 02:00

Markus Mauthe / Wildview: Auf duennem Eis 28.08.2012

Wildview

///////////////////////////////////////////
Auf dnnem Eis 28.08.2012

Posted: 28 Aug 2012 10:48 PM PDT


Ich traue meinen Augen nicht, als ich mit einem leichten Schwung |+ber die
Bordkante des Schlauchbootes im seichten Wasser lande. Wir sind in einer
der unz|ñhligen Buchten des Inselarchipels Spitzbergen und ich versp|+re zum
ersten Mal seit Tagen wieder festen Boden unter den F|+|テn. Auf der gesamten
K|+stenlinie in dieser urigen, wilden Landschaft aus Ger|Âll und
Gletschereis, scheinbar weit abseits allen zivilisatorischen Unfugs, liegen
unz|ñhlige Reste von kleinem und gro|テm Abfall.


Endlos reihen sich Fetzen von Plastikverpackungen, Flaschen und
Fischernetzen zwischen an Land gesp|+ltem Tang und Treibholz vor mir auf. An
solchen Orten kann man den wahren Zustand unseres Planeten sehen. Durch
unseren Konsumwahn drohen wir praktisch in unserem eigenem M|+ll zu
ersticken. Hier an diesem Strand hat dies stellvertretend eine M|Âwe
|+bernommen, deren Gefieder sich im Plastik verfing und das Tier verenden
lies. Das Geweih eines Rentieres, welches wir verheddert zwischen einem
Netz finden, l|ñsst auch auf kein gutes Ende dieses Tieres schlie|テn. L|ñngst
haben wir die Kontrolle |+ber unser Handeln verloren. Bei kaum einer Reise
wird dies deutlicher als hier in der Arktis. Wir m|+ssen einige Zeit ins
Landesinnere marschieren bis wir die letzten Reste menschlichen Wohlstandes
hinter uns gelassen haben. Von einer Anh|Âhe aus blicken wir auf riesige
Ger|Âllfelder und eine v|Âllig eisfreie Bucht.


Dies ist um diese Jahreszeit nicht ungew|Âhnlich. Es ist der arktische
Sommer. Die Sonne geht nach wie vor nicht unter und die Temperaturen liegen
im positiven Bereich. Das Eis wird in wenigen Monaten das Land und die
Buchten von Norwegens n|Ârdlichstem Au|テnposten wieder fest in seinem Griff
bekommen. Was aber durchaus nicht als normal zu bezeichnen ist, ist das
Fehlen der arktischen Eismasse noch viele Kilometer n|Ârdlich der
Inselgruppe. W|ñhrend das antarktische Eis um den S|+dpol herum auf einer
Landmasse aufliegt, befindet sich das arktische Eis um den Nordpol auf dem
Wasser. Es ist ein nat|+rlicher Prozess, dass sich die Eisfl|ñche im Sommer
reduziert und im Winter wieder anw|ñchst. Doch, was wir momentan auf dieser
Reise erleben, und was auch langsam durch die Medien sickert, l|ñsst
Schlimmes erahnen. Ich bin auf der ÔÇ×PlanciusÔÇ£ ein ehemaliges
Forschungsschiff, welches zum Tourismusfrachter umgestaltet wurde.
Gespr|ñche mit Fachleuten an Bord best|ñtigen die schlimmsten Bef|+rchtungen.
Die Eismasse ist, seitdem der moderne Mensch Messungen vornimmt, noch nie
soweit abgeschmolzen, wie momentan.


Da das Eis nirgends angebunden ist, k|Ânnen Winde und Str|Âmungen durchaus
schnelle, geografische Ver|ñnderungen der Fl|ñche verursachen. Gest|+tzt durch
Langzeitstudien und Sattelitenaufnahmen l|ñsst sich die Tendenz des
arktischen Eisschwundes aber auf keinen Fall mehr leugnen. Dass es trotzdem
weiterhin Ignoranten geben wird, die auch in den kommenden Jahren alle
Hinweise auf den menschlich, gemachten Klimawandel ins L|ñcherliche ziehen
werden, macht mich extrem w|+tend. Diese hirnlosen Egomanen, die sich von
rechtslastigen ÔÇ×Think-TanksÔÇ£ und gro|テn |ûlmultis ein sorgenfreies Leben
bezahlen lassen, werden sich auch dar|+ber freuen wenn in ca zehn Jahren die
Schmelze erstmals Schiffsverkehr durch die Arktis erlaubt. Dann kann der
hemmungslose Raubbau an Rohstoffen auch an einem der letzten, bisher
unber|+hrten Orte des Planeten beginnen. |ûl und Kohle kommen schneller zum
Verbraucher und die Konzerne steigern ihre eh schon astronomischen Gewinne
weiter nach oben. Somit profitieren die Verursacher allen Leides, das sie
kommenden Generationen aufb|+rden, von Ihren eigenen Verbrechen. Es ist zum
Heulen. Ich kann auch eines der Hauptargumente der Klimawandel-Leugner
nicht mehr h|Âren, die gebetsm|+hlenartig auf die Kartoffeln verweisen, die
man zu fr|+heren Zeiten auf Gr|Ânland angebaut hat. Wie dumm muss man sein,
um sich eine einzelne Tatsache aus dem Zusammenhang zu rei|テn, um darin
eine positive Entwicklung zu erkennen. Nat|+rlich gab es seitdem die Erde
rotiert im Klima Ver|ñnderungen in H|+lle und F|+lle. Selbst die Antarktis war
vor Urzeiten mal eisfrei. Doch diese Ver|ñnderungen zogen sich |+ber
Zeitr|ñume hinweg, welche die Anwesenheit des modernen, industrialisierten
Menschen auf der Erde als Sekundenbruchteil degradieren.


Die komplette Artenvielfalt des Planeten und unsere unterschiedlichsten
Lebensweisen aller Kulturen bauen sich auf dem Klimamodell von heute auf
und nicht auf damals, als ein paar Halbwilde Kartoffeln auf Gr|Ânland
pflanzen konnten. Die Ver|ñnderungen sind so weitreichend, dass man schnell
den |£berblick verliert. Das Leben auf der Erde besteht aus unz|ñhligen
Kreisl|ñufen, die auf verschiedenste Weise miteinander verbunden sind.
Schmilzt das Eis, hat dies Auswirkungen auf viele Abl|ñufe, die sich
wiederum mit anderen Verkettungen |+berkreuzen und ebenfalls alles
durcheinanderbringen. Eines der prominentesten Opfer dieser Entwicklungen
im arktischen Eis ist auch der Grund, warum ich mich auf diese Kreuzfahrt
begeben habe n|ñmlich der Eisb|ñr.


Kaum ein Tier steht symbolisch f|+r all das, was verloren geht, wenn wir
Menschen den Sinn unseres Lebens nicht schleunigst neu definieren, wie
diese B|ñren.

Als die letzten, n|Ârdlichen Ausl|ñufer Spitzbergens hinter dem Horizont
verschwinden, fahren wir noch f|+r viele weitere Stunden |+ber eine dunkle
Wasserfl|ñche die v|Âllig eisfrei ist. Die Reise wurde als ÔÇ×Eisb|ñr SpezialÔÇ£
beworben. Jeder an Bord ist deshalb in freudiger Erwartung, als wir uns dem
angestammten Lebensraum des Eisb|ñren n|ñhern. Das Packeis, auf dem die Tiere
|+ber die Sommermonate auf Robbenjagd gehen, kommt erst um den 81ten
Breitengrad in Sicht. Langsam man|Âvriert der russische Kapit|ñn das Schiff
durch die Eisplatten. Sp|ñtestens hier hat mich der Polarvirus infiziert.
Die Sicht ist gut. Bis auf alle Horizonte sehen wir das br|+chige Eis,
welches von kleinen und gr|Â|テren Wasserfl|ñchen durchzogen ist. Alle B|ñren,
die es mit dem R|+ckgang des Eises auf diese Fl|ñchen geschafft haben, und
nicht auf den Inseln des Festlandes zur|+ck geblieben sind, haben gro|テ
Chancen durch die w|ñrmere Jahreszeit zu kommen. Hier jagen sie mit gro|テm
Geschick nach Robben, die sie aus dem Wasser ziehen oder mit ihrem
Geruchssinn in unterirdischen-á Eish|Âhlen aufsp|+ren und schnappen k|Ânnen.
Der Himmel ist an diesem Tag mit einer leichten Wolkenschicht |+berzogen,
aus der sich immer wieder Schneeflocken l|Âsen. Dabei ist es fast windstill,
was mir perfekte, fotografische Bedingungen bietet. Von den f|+nf B|ñren, die
wir an diesem Tag ersp|ñhen, ist es Nummer Zwei, die mich sehr gl|+cklich
macht und die Reise f|+r meine Arbeit zu einem gro|テn Erfolg werden l|ñsst.


Wir sehen die B|ñrin schon in der Ferne. Anders als ihre Artgenossen scheint
dieses Tier recht neugierig zu sein. W|ñhrend wir so manch einem anderen
Gesellen fast hinterherfahren, kommt die Dame langsam aber best|ñndig n|ñher
an das Schiff heran. So muss der Kapit|ñn eigentlich nur an Ort und Stelle
verharren. Passagiere und Personal stehen eintr|ñchtig an der Reling und
beobachten ehrf|+rchtig wie sich dieses wundersch|Âne Tier St|+ck f|+r St|+ck
dem fremden riesigen Objekt n|ñhert. Die B|ñrin hat ein wunderbar wei|テs Fell
und sieht gut gen|ñhrt aus. Ein Prachtexemplar. Es sind intensive Minuten,
in denen ich viele sch|Âne Variationen dieser Spezies auf meinen Chip banne,
fast besser als ich es mir ertr|ñumt hatte.


Als sich die Eisb|ñrin dann am Ende noch mit einigen Kunstst|+ckchen und
drolligen Verrenkungen verabschiedet, l|ñsst sie ein Boot voller
Gl|+cksseligkeit hinter sich zur|+ck.

Wir erreichen bei der R|+ckfahrt nach Spitzbergen eine kleine, isolierte
Insel, auf der sich sieben ihrer Artgenossen befinden. Die B|ñren klettern
dort |+ber Ger|Âll und wirken irgendwie v|Âllig bemitleidenswert. Schmilzt das
Eis in den kommenden Jahren weiter in dieser Geschwindigkeit, so m|+ssen
immer mehr dieser Tiere verhungern. An Land haben sie kaum Aussicht auf
ausreichend Nahrung, besonders wenn das rettende Eis von Jahr zu Jahr
l|ñnger fernbleibt. Keiner wei| genau wann unsere B|ñren zum letzten Mal
gefressen haben. Die unz|ñhligen M|Âwen, weit oben im Vogelfelsen sind f|+r
sie unerreichbar. Die Kolonie von Walrossen, die vor der K|+ste im Wasser
treibt, ist auch keine leichte Beute, da die klobigen Tiere sehr wehrhaft
sind.


Die Anwesenheit der Walrosse ist jedoch eine kleine Erfolgsgeschichte, da
die Tiere, ebenso wie die Wale, auch in Spitzbergen gnadenlos gejagt
wurden. Durch Schutzma|ハahmen nehmen die Best|ñnde dieser Art langsam wieder
zu.

Ein Blick in die Geschichtsb|+cher l|ñsst erahnen, auf was f|+r einen
|+berschwenglichen Reichtum an Leben die ersten Entdecker hier gesto|テn
sind, als sie sich in diese unbekannte, dem Menschen so lebensfeindliche
Region aufmachten. Bis zu hundertsechzig Walfangboote sollen sich hier
einst in einer einzigen Bucht aufgehalten haben so zahlreich war die
Beute. Mir kommen dabei die Bilder von den B|+ffeln in der
nordamerikanischen Pr|ñrie in den Sinn, die von wei|テn J|ñgern zu
hunderttausenden abgeschossen wurden, einfach weil sie so zahlreich
vorhanden waren. Der Mensch ist das schlimmste Raubtier von Allen, er t|Âtet
nicht nur zum eigenen |£berleben sondern zum Vergn|+gen.


Die Wale, Robben und Walrosse mussten damals dran glauben weil man aus
Ihrem Fettgewebe Tran gewonnen hat. Bis Anfang des 20sten Jahrhunderts
wurden damit in Form von Lampen|Âl H|ñuser und Stra|テn beleuchtet. Dass wir
heute auf unserer Reise zwei Blauwale zu Gesicht bekommen, gleicht fast
einer Sensation und zeigt wie gr|+ndlich unsere Spezies ist, wenn es darum
geht den Reichtum dieses wunderbaren Planeten zu pl|+ndern. Erst wenn fast
nichts mehr vorhanden ist, f|ñngt man an, sich nach Alternativen
umzuschauen. Diese sind auch in den allermeisten F|ñllen vorhanden. H|ñtten
wir Alle nicht das ÔÇ×GierÔÇ£-Gen intus k|Ânnten wir den Planeten nachhaltiger
nutzen und w|ñren dabei noch wesentlich ausgeglichener und gl|+cklicher.
Davon bin ich |+berzeugt. Diese Reise an sich ist schon ein Paradoxon f|+r
mich gewesen. Innerhalb k|+rzester Zeit wurde es mir durch moderne Technik
und einer vorhandenen Infrastruktur erm|Âglicht, tolle Fotos einer Region zu
machen, die vor wenigen Jahrzehnten noch kaum erreichbar war. Hundert
ÔÇ×NaturfreudeÔÇ£ werden dabei durch Szenarien geschippert, die so in naher
Zukunft nicht mehr existieren. Dabei werden sie dreimal t|ñglich mit den
vielf|ñltigsten Speisen gem|ñstet, die aus aller Herren L|ñnder
zusammengetragen, hier im |£berfluss angeboten werden. Es gibt Getr|ñnke aus
Aluminiumdosen, Fleisch in H|+lle und F|+lle, und immer frische Servietten,
Handt|+cher und was der moderne Kreuzfahrer sonst an Standart erwartet. Wir
sind schon eine recht seltsame Lebensform.


--

Email delivery powered by Google.
Google Inc., 20 West Kinzie, Chicago IL USA 60610
Kommentare
Bisher keine Antworten oder Kommentare.
Auswahl: [Europa]