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Auswahl: [Männer]
Sabine Ellersick <S.ELLERSICK ät NADESHDA.org>2. Oct 2003 00:00

Männer-WG ;-)

## Nachricht vom 22 Sep 03 weitergeleitet

## Ursprung : S.ELLERSICK ät SABINE.nadeshda.org
## Betreff : Männer-WG
## Ersteller: T.FRANK ät NADESHDA.org (Tom Frank)
## Msg-ID : 8uNXc9$X0VB ät tomtom.nadeshda.org
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Neues aus der Männer-WG


Nach der Geburt muss der Mann noch genau zweimal in seinem Leben einen
wärmenden, schützenden Schoss verlassen. Das erstemal, wenn er sein
Kinderzimmer räumt. Das zweitemal, wenn er seine kuschelig-miefige
Junggesellen-WG verlässt, um mit einer Frau zusammenzuleben. Für viele
Männer ist dieser Schritt das wahre Geburtstrauma. Denn die Männer-WG
ist ein friedlicher, idyllischer Ort, eine arkadische Landschaft aus
verstreuten Tennissocken, Bundesliga-Stecktabellen, getrockneten
Zimmerpalmen und Sophie-Marceau-Plakaten. Der Schock ist gross, wenn
wir aus diesem Paradies vertrieben werden.

Vielleicht läßt sich die Männer-WG am besten anhand ihres spirituellen
Mittelpunktes erklären. Es ist der Bierkasten. Oder, richtiger: Die
Kästen Bier. Ganz egal, ob aus diesem getrunken wird, oder nicht - es
geht immer darum, "einen Kasten Bier im Haus zu haben". Dieser Kasten
Bier ist der augenfällige Beweis einer grundehrlichen, geradezu
bauarbeiterhaften Bodenständigkeit, die wir uns trotz unserer lahmen
Schlipsträger-Jobs bewahrt haben. Ein Mann braucht einen Bierkasten,
um einem anderen Mann seine Zuneigung auszudrücken: "Komm doch mal
vorbei, wir haben auch `n Kasten Bier im Haus."

Der Kasten dient ausserdem als Legitimation aller möglichen
Aktivitäten, die ohne ihn ziellos, ja läppisch erscheinen würden:
"Dann trommeln wir ein paar Leute zusammen, schnappen uns einen Ball,
gehen in den Park, und wir bringen einen Kasten Bier mit." Zum Kasten
Bier gehören in der Männer-WG zahlreiche Rituale, etwa das, keinen
Flaschenöffner zu haben, um die Flasche wortlos mittels Feuerzeug,
Rohrzange, Tischkante oder am Kasten selbst zu öffnen -wobei die
letzte Variante sicher die schönste ist, der Kasten Bier als
vollkommenes geschlossenes System. Kein Wunder übrigens, dass man
Männer, die lange in Männer-WGs gelebt haben, oft an einer
kronkorkenförmigen Narbe unter der Fusssohle erkennt.

Mit dem Kasten Bier, dessen Bedeutung gar nicht zu überschätzen ist,
hängt ein anderes Männer-WG-typisches Phänomen zusammen. Was den
Protestanten ihr Kirchentag, den Ravern ihre Love-Parade, den Telekom-
Aktionären ihre Hauptversammlung, das sind den in WGs organisierten
Männern die internationalen Fussballturniere EM und WM: ein grosses
sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis. Allein das Bewusstsein, dass
sich zur selben Zeit Millionen andere genauso mit Erdnussflips und
einem Kasten Bier vor dem Fernseher gemütlich gemacht haben, schafft
jenes quasi-erotische Zusammengehörigkeitsgefühl, das man sonst nur
durch Einnahme von Ecstasy oder die Ausschüttung einer schönen
Dividende erreicht.

Fast so wichtig wie der Kasten Bier ist der blaue Müllsack. Er
reduziert nicht nur die Gänge zum Container auf einen pro Monat, er
garantiert auch, dass der Kontakt zu den Eltern nicht völlig abreisst:
Etwa alle sechs bis acht Wochen schleppen WG-Männer ihre Schmutzwäsche
in dem von innen feucht beschlagenen blauen Müllsack zu Mama. Denn die
Männer-WG hat keine Waschmaschine oder benutzt sie nicht.

Das hat nichts mit Faulheit zu tun, ebensowenig wie die diversen
Sedimentschichten Schmutzgeschirr. Vielmehr kommt es in Männer-WGs zu
einer physikalischen Anomalie von kosmischen Ausmassen: Das Gesetz,
dass Energie nicht verloren gehen kann, wird in jeder Männer-WG
tagein, tagaus aufs neue widerlegt. Energie wird hier spurlos
abgesaugt, bis selbst der grösste Ehrgeizling seine Aktivitäten darauf
beschränkt, eine Kuhle in die Fernsehcouch zu sitzen und ab und zu
"machen wir morgen" und "bloss keinen Stress" zu nuscheln.

Wenn überhaupt, denn nach jahre- langem Zusammenwohnen beschränkt sich
die verbale Kommunikation in der Männer-WG zumeist auf verschiedene
Intonationen des Koseworts "Alter". "Alter" ohne Betonung bedeutet:
"Hallo, wie geht's, wie war dein Tag?" "Alteeer", gedehnt: Ausdruck
grosser Begeisterung und Anerkennung, etwa wenn ein Mitglied der WG
Pizza geholt hat. "Alter!", nachdrücklich: Du stehst im Bild. Man
merkt schon, in der Männer-WG herrschen vorzivilisatorische Zustände.
Viele dort praktizierten Verhaltensweisen sind nur als
tiefverwurzelter Aberglaube zu erklären: Nie den Klosettdeckel
runterklappen, das bringt Unglück! Im Stehen pinkeln! Die hinteren
Regionen des Kühlschranks sind geschützter Lebensraum fur mutierte
Nahrungsmittel und fur Menschen tabu!

Comic-Lektüre erleichtert den Stuhlgang! Das heikle Thema
Toilettenlektüre hat in diesem Zusammenhang besondere Beweiskraft: Wir
Männer wollen es uns überall so gemütlich wie möglich machen. Wir
werden von einem Nesttrieb gesteuert, wie er in der Tierwelt kein
zweites Mal vorkommt. Wir haben den Schrebergarten, die Eckkneipe und
die Business-Class erfunden, damit wir es überall schön heimelig
haben: in der "Kolonie kleine Zuflucht", in "Lothi's Prapelstübchen",
in der "Executive-Lounge". Und eben in der Männer-WG.

Aus diesem Biotop werden wir jäh herausgerissen, wenn wir zum ersten
Mal in unserem Leben mit einer Frau zusammenziehen. Als unsere Männer-
WG von der Faust der heterosexuellen Anziehung zerschmettert wurde,
ereilte alle meine Freunde dasselbe Schicksal: Frauen, die in das
Zusammenleben uns vorher völlig unbekannte Komponenten hereinbrachten.
Vor allem kalte, schneidende Vernunft: "Wieso einen ganzen Kasten? Das
trinken wir doch nie!" Früher kauften wir Lebensmittel stückweise im
Spätkauf der Tankstelle, jetzt bekommen wir Einkaufszettel an die
Hand, die in der Reihenfolge der Warenregale im Verbrauchermarkt
geordnet sind. Vorbei ist es auch mit der geradezu Biolekschen
Harmoniesucht, die wir aus der Männer-WG gewohnt waren.

Zum ersten Mal stellen wir fest, dass man Probleme auch anders lösen
kann, als sie vorm Fernseher oder auf dem Klo auszusitzen. Wir lernen,
dass es ausserhalb der Männer-WG nicht zur Versöhnung reicht, dem
anderen ein blutiges Steak zu braten.

Am gravierendsten aber ist das Ende der Gemütlichkeit. In der Männer-
WG kamen Kumpels vorbei ("Habt ihr `n Kasten Bier da?"), heute haben
wir Gäste. Wir werden plötzlich gezwungen, uns Gedanken zu machen über
Tischdecken, Menueabfolgen und Gesprächsstoff, wo früher die Pizza aus
dem Karton alle drei Probleme auf einmal löste ("Mann, ist die Pizza
heute wieder schmierig." - "Kannste laut sagen."- "MANN, IST DIE
PIZZA...", usw.). (GROEOEOEOEOEHL!)

Während der Mikrokosmos Männer-WG sich selbst genug ist, geraten wir
nun ständig mit der Aussenwelt in Berührung: mit Theatern, Museen,
Einrichtungshäusern und mit den Müllcontainern hinten auf dem Hof.
Erst im Zusammenleben mit einer Frau werden wir langsam zu
funktionstüchtigen Mitgliedern der sozialen Gemeinschaft. Aber diese
Evolution vom Höhlenbewohner zum Homo lebensgefaehrtiensis ist ein
schmerzhafter Prozess, der uns viele Opfer abverlangt.

Zum Beispiel Kurts Hemden-Trick, der einem das Bügeln ersparte: ein
ungebügeltes Hemd einen Tag lang unter einem Pullover anziehen, so
dass es am nächsten Tag nicht mehr ungebügelt aussieht, sondern so,
als sei es gebügelt worden und dann am Körper zerknittert. Nun kann
man das Hemd noch zwei Tage ohne Pullover anziehen! Wir haben ihn
dafür bewundert, Beate hat ihm nahegelegt, einen Bügelkurs zu belegen.

Frank pflegte seinen Sessel so vor den Fernseher zu schieben, dass er
den Fuss bequem auf den Fernsehtisch auflegen konnte, um mit der
nackten Zehe die Programme zu wechseln und die Lautstärke zu regeln.
Eine schöne, körperliche Form von Interaktivität, eine symbiotische
Einheit von Mensch und Medium, die langen Fernsehabenden eine geradezu
metaphysische Qualität verlieh. Karla hat einfach neue Batterien fur
die Fernbedienung gekauft, nachdem sie zusammengezogen sind.

Vorbei die Zeiten, da wir uns mit dem heissen Eierwasser einen zeit-
und energiesparenden Beuteltee aufgossen. Noch schwerer aber fällt es
uns, Nudeln plötzlich ohne Hilfe der Küchendecke zu kochen. In unserer
Männer-WG hatten wir nämlich einen genialen Trick entwickelt, auf den
man in Christiane Herzogs Kochstudio lange warten kann: Um
festzustellen, wann Spaghetti fertig sind, nimmt man ein paar aus dem
Topf und schleudert sie an die Decke. Fallen sie wieder herunter, so
sind sie noch zu hart. Bleiben sie kleben, sind sie genau richtig.

Buon appetito!
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